Ulf-Daniel Ehlers

Die Corona-Krise macht eines deutlich: Die Bedingungen in denen wir Bildung organisieren, können sich schnell ändern. Schneller und radikaler als wir es bislang für möglich gehalten haben. Wurde Digitalisierung bisher noch als Herausforderung verstanden, der wir uns vernünftigerweise zuwenden müssen und die es für die Zukunft zu gestalten gilt, so lässt die derzeitige Situation in dieser Hinsicht keinen Stein auf dem anderen. Nach dem Shutdown – und möge er schnell vorüber gehen – wird Digitalisierung in Bildungseinrichtungen keine Option mehr sein – sie wird zur selbstverständliche Kulturtechnik. Aber nicht allein die Organisation von Bildung steht derzeit auf dem Prüfstand. Dahinter liegt die tiefgreifendere Frage, mit welchen Zielen und Inhalten wir junge Menschen auf eine Gesellschaft vorbereiten, die immer schneller zu radikalen und disruptiven Änderungen ihrer jeweiligen Systemzustände bereit ist. Seit einigen Jahren wird diese Frage unter dem Label „Future Skills“ diskutiert.

Future Skills hat in der öffentlichen Diskussion über Hochschulbildungskonzepte mittlerweile zu einem entscheidenden Wandel beigetragen, den wir als Future Skills Turn bezeichnen. In unserer neuen Studie NextSkills geht es darum, diesen Aufzuarbeiten und in seiner Tragweite für die Konzeption künftiger Hochschulbildung zu erfassen. Als Begriff hat Future Skills einen Einfluss gewonnen, wie er in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts von Begriffen wie Chancengleichheit oder Wissenschaftsorientierung ausgegangen ist.

Solche Leitmarken treten nicht als exakt zugeschnittene und empirisch operationalisierte Konzepte auf, sondern viel eher als begriffliche Verdichtungen, breitgefächerter Bündel von Argumenten und Zielsetzungen.

Ausgangspunkt für die beachtliche Karriere des Konzeptes der Future Skills ist die Diagnose, dass derzeitige Konzepte der Hochschulbildung den drängenden Herausforderungen unserer Gesellschaften keine überzeugenden Zukunftskonzepte entgegenstellen. Weder der nachhaltigen Gestaltung unserer Umwelt, noch den damit zusammenhängenden sozialen oder ökonomischen Veränderungen. Während die gesellschaftlichen Problemlagen von einem sich stetig beschleunigenden Globalisierungsprozess und einem immer schneller werdenden digitalen Fortschritt verschärft werden, sind genau dieses auch die Kräfte, die eine Vielzahl neuer Optionen für die menschliche Entwicklung ermöglichen. In dieser Situation digitaler Beschleunigung ist das kennzeichnende Merkmal, das der Unsicherheit und die unausweichliche Notwendigkeit, die der Gestaltungsverantwortung. Denn die Zukunft ist unvorhersehbar. Wir können sie nicht prognostizieren, müssen aber bereit sein, sie zu gestalten.

Kinder, die im nächsten Jahr in die Grundschulen kommen, werden in zehn bis zwölf Jahren eine Berufsausbildung oder ein Studium aufnehmen und in fünfzehn Jahren diejenigen sein, die als junge Berufstätige beginnen, unsere Gesellschaft zu formen. Über diese Zukunft wissen wir wenig. Im Jahr 2060–2065 werden sie aller Voraussicht nach ihrer Erwerbstätigkeit beenden. Über diese Zukunft wissen wir nichts. Unsere (Hoch-) Schulen müssen sie auf Jobs vorbereiten, die es heute noch nicht gibt. Auf Technologien, Apps und Anwendungen, die heute noch nicht erfunden worden sind. Sie müssen darauf vorbereiten, in einer Gesellschaft zu leben, deren Strukturen wir heute nicht absehen können, und darauf, mit Herausforderungen umzugehen, die heute noch nicht erkennbar sind. Es ist unsere gemeinsame Verantwortung, das Beste aus den Möglichkeiten zu machen und Wege zu finden, mit dieser ungewissen Zukunft umzugehen. Dabei geht es um nicht mehr und nicht weniger als den Erhalt unseres Planeten und unsere Lebensgrundlagen.

Das Lösen der gesellschaftlichen Problemlagen, wie sie etwa mit der Coronakrise oder dem Klimawandel verbunden sind, die Herausforderungen der zukünftig noch zunehmenden Migration, die Konflikte, die von populistische Gesellschafts- und Politikentwürfe ausgehen und die damit verbundene Frage nach der Zukunft der Demokratie – all dies erfordert die Fähigkeit, neue und bisher unbekannte Ansätze zu entwickeln, neue Wege zu gehen und bislang Unverbundenes auf neue Weise miteinander in Beziehung zu setzen. In der Bildung und Wissenschaft wird dies nur dann gelingen, wenn wir im besten Sinne inter- und transdisziplinär daran arbeiten, die Lösungsbeiträge einer jeden Disziplin und Wissenschaft zusammenzutragen, sie kritisch zu reflektieren und aufeinander zu beziehen. Hochschulen tun sich dabei schwer – denn sie alle teilen ein gemeinsames Handicap: Die Geschichte der Wissenschaft, Forschung und damit auch der Hochschulbildung ist eine Geschichte der Differenzierung, Spezialisierung und Abgrenzung der Disziplinen. Die fast 18.000 Studiengänge, die an deutschen Hochschulen angeboten werden, zeugen davon. Die Institution Hochschule steht vor der Herausforderung, sich selber neu erfinden zu müssen und das in einer Zeit, in der sie sich in einem enormen Wachstumsprozess befindet. Denn weltweit wird eine Quote von 70 Prozent Studierenden einer Alterskohorte oder mehr bis ins Jahr 2050 prognostiziert. Das ist in etwa so einfach, als müsse man bei einem Autorennen, mitten in der Steilkurve und während eines gefährlichen Überholmanövers die Pilotin/ den Piloten wechseln.

Wie das gelingen kann, welche Chancen und Herausforderungen sich für Universitäten und Studierenden ergeben, ist das Thema unserer ersten Blogreihe. Dabei geht es zunächst um den Begriff der Future Skills: Welche Kompetenzen braucht es ganz konkret, um sich neuen, unbekannten Herausforderungen zu stellen und wie können Sie so klassifiziert werden, dass wir von einer reinen Auflistung zur einer Profilbildung gelangen.

#futureskills

Das Forschungsprojekt NextSkills (nextskills.org) zielt darauf ab, im Rahmen eines multimethodischen Forschungsdesigns und über internationale Konsultationen, Modelle und Beschreibungen für zukünftig relevante Fähigkeiten, sogenannte Future Skills, zu identifizieren. Dabei sollen Future Skills diejenigen Fähigkeiten sein, die es Hochschulabsolventinnen und -absolventen ermöglichen, die Herausforderungen der Zukunft bestmöglich zu meistern. In den Ergebnissen zeigt sich: Um mit den zukünftigen Herausforderungen umzugehen, müssen Studierende Neugier entwi- ckeln, Vorstellungskraft, Visionsfähigkeit, Resilienz und Selbstbewusstsein sowie die Fähigkeit, selbstorganisiert zu handeln. Sie müssen in der Lage sein, die Ideen, die Perspektiven und die Werte anderer zu verstehen und zu respektieren und sie müssen mit Fehlern und Rückschritten umgehen können und gleichzeitig achtsam voranschreiten, auch gegen Schwierigkeiten.

In zahlreichen Gesprächen, Interviews und Analysen wurde uns deutlich, dass Future Skills auch darauf abzielen müssen, Bewusstsein für lokale und globale He- rausforderungen zu befördern; Bewusstsein und Achtsamkeit dafür zu erlangen, wie sich der Klimawandel auf die Natur und Umwelt auswirkt und wie Studierende Fähigkeiten erlangen können, in gesellschaftlichen Zusammenhängen mitzuwirken, um diese Auswirkungen zu reduzieren oder umzukehren.
Es geht auch darum, gesellschaftliche Themen wie beispielsweise den demographischen Wandel oder Migrationsherausforderungen zu gestalten.

Future Skills zu fördern bedeutet auch, ein Bildungssystem zu gestalten, welches die zukünftigen Bürgerinnen und Bürger in die Lage versetzt, mit unbekannten Herausforderungen umzugehen und in der Gesellschaft für Kohärenz zu sorgen, Offenheit, Toleranz, ein Bewusstsein für Unterschiedlichkeit wertzuschätzen und gerade nicht, populistischen Erklärungen zu erliegen. Es wurde uns deutlich, dass die Frage, wie junge Menschen für die Teilhabe an gesellschaftlichen Systemen und Prozessen befähigt werden, und wie wir Frieden, Bewahrung der Schöpfung und Gemeinschaft als Werte in einer zukünftigen Gesellschaft stärken können, zukünftig über die Relevanz unserer Hochschulen entscheiden.

Dabei wird das heutige Fach- und Expert(inn)enwissen nur noch einen kleinen Teil dessen darstellen, an dem sich zukünftige Generationen auf ihrer Suche nach Lösungen komplexer Probleme orientieren können. Sie werden von mehr angetrieben als von Karriere, einem guten Job und einem hohen Einkommen, auch um das Wohl ihrer Freunde und Familien, ihrer Communities und des Planeten, werden sie sich bemühen müssen. Mitgefühl, Achtsamkeit und Leidenschaft werden zu expliziten Bildungszielen der Hochschulen der Zukunft. Es wird darum gehen, Bildungskonzepte einzusetzen, die Lernende mit Kraft, Energie und Überzeugung ausstatten und mit der Fähigkeit, diese wertschätzend zu kommunizieren. Die Kompetenzen, die sie brauchen, müssen sie in die Lage versetzen, ihr eigenes Leben zu gestalten und darüber hinaus zum guten Leben aller beizutragen.

Hochschulen tun gut daran, sich vom Ziel abzuwenden, Wissensbestände zu vermitteln, in denen es primär um in sich geschlossene und gut prüfbare Zusam- menhänge geht, für die es richtige und falsche Antworten gibt. Zukünftig wird es darauf ankommen, anhand von Fragestellungen zu lernen, für die es keine unmittelbar richtigen Antworten gibt, sondern bei denen es darum geht abzuwägen, plausibel zu argumentieren und das Werthaltungen zu vertreten. Um herauszufinden, welche Fähigkeiten dies sind und wie diese am besten entwickelt werden können, wurde das NextSkills Projekt ins Leben gerufen. Das Ziel dieses Projektes ist es, Hochschulen, ihren Leitungen und ihren Lehrenden Antworten dafür zu liefern, in welche Richtung Bildungsziele, Strukturen und Prozesse gestaltet werden müssen. Im Zentrum stehen 3 Fragen:

  1. Welche Fähigkeiten brauchen Menschen in der Zukunft, um ihre Welt und Umwelt als Bürgerinnen und Bürger in einer globalisierten Welt zu gestalten? Welche Fähigkeiten brauchen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, um die ständige Weiterentwicklung und stetige Anpassung an neue Situationen in Organisationen und im Arbeitsleben zu bewältigen? Diese Fähigkeiten nennen wir Future Skills.

  2. Wie können Organisationen ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dabei un- terstützen, diese Fähigkeiten zu erlangen und welche Organisationsformen und -strukturen werden benötigt, um die dafür optimalen Organisationskulturen herauszubilden?
  3. Was können Hochschulen tun, um diese Fähigkeiten bei Studierenden zu fördern? Wie müssen Studium und Lehre gestaltet sein und welche hochschul- didaktischen Formen eignen sich?

Die im Rahmen der nextskills Initiative vorgestellten Konzeptionen sind durch Tiefeninterviews, Expertenbeurteilungen und internationale Delphi-Studien abgesichert. Stellt man Future Skills in den Mittelpunkt der Überlegungen für Hochschulbildung, dann zeigt sich an vielen Stellen die Notwendigkeit, die Hochschule als Ort des Forschens, Lehrens und Lernens neu zu denken. Dabei gilt: All das, was leicht zu unterrichten ist und leicht geprüft werden kann, ist auch leicht zu digitalisieren – und damit auch zu automatisieren. Future Skills wie Kreativität, Selbstkompetenz, Reflexionskompetenz oder Design-Thinking-Kompetenz benötigen jedoch ausgeklügelte Vermittlungsformen. Es geht also darum, die Frage zu stellen, wie die Förderung von Future Skills in den Hochschulcurricula verankert werden kann. Dabei geht es um eine Konzentration auf aktive, gestaltende Lehr- und Lernformen und Bildungsziele, die komplexe Prüfungsszenarien benötigen und die über reine Wissensvermittlung hinausgehen und Kompetenzen in den Vordergrund stellen.