Future Skills stehen für den Versuch, den Diskurs über Schlüsselqualifikationen fortzuschreiben und dabei diejenigen Fähigkeiten in den Blick zu nehmen, welche die Kompetenz zum wissenschaftlich reflektierten und mündigen Handeln fördern – diese bildet aus meiner Sicht die übergeordnete Zielsetzung eines jeden Studiums.
Vielleicht mag das etwas altmodisch anmuten, aber ich halte es wie der Hochschulforscher Peer Pasternack und würde an erster Stelle die „wissenschaftliche Urteilsfähigkeit“ nennen. Im Sinne Allgemeiner Bildung außerdem die Fähigkeit zur „Selbstbestimmung“ und das, was der Rat der Europäischen Union 2018 in anspruchsvoller Weise als „Bürgerkompetenz“ beschrieben hat.
Da wir unter „Handlungsfähigkeit“ i.d.R. „Kompetenz“ verstehen, bedarf es zunächst der sog. Kompetenzorientierung. Auch wenn wir inzwischen seit fast drei Jahrzehnten davon sprechen, bezweifle ich offen gesagt, dass kompetenzorientierte Lehre wirklich schon breitflächig implementiert ist. Ich beobachte zum Teil, dass man den Lernprozess gänzlich an Studierende abgeben und man sich von der Seitenlinie aus als „Lernbegleiter“ begreifen möchte. Das ist grundsätzlich nicht falsch, dennoch braucht es – ausgehend von einer konkreten Vorstellung der Kompetenzziele – eine aktive Gestaltung der Lernumgebung: Dabei geht es u. a. um die geeignete Themenauswahl und Forschungsfragen, das Ermöglichen von Erfahrungsräumen bei angemessenem Schwierigkeitsgrad, kontinuierliche Reflexionsphasen, eine agile Lehrarchitektur, die Prüfungsformate flexibilisiert und nicht zuletzt eine konkrete Idee von Hochschulbildung, die über eine funktionale Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt hinausweist. Ich verstehe die Kompetenzorientierung als komplexes Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren, die neben wissenschaftlicher Expertise auch eine Menge Erfahrung erfordert. Mich interessiert in meiner Lehre und Forschung besonders, wie diese Faktoren in der Praxis zielgerichtet zusammenwirken können.
Für mich ist das Thema KI in der Lehre aktuell noch ein offenes Lern- und Experimentierfeld. Daher möchte ich mich an dieser Stelle mit zu starken Forderungen und Empfehlungen bewusst zurückhalten.
Grundsätzlich fällt mir auf, dass bei den zuletzt zahlreich veröffentlichten Konzepten zu KI in der Hochschulbildung eine Frage häufig unbeantwortet bleibt: Um was es sich bei KI-Systemen eigentlich genau handelt – und wie diese auf Individuum und Gesellschaft einwirken. Um nicht missverstanden zu werden: Ich begrüße Initiativen, die für einen kritisch reflektierten Umgang mit KI eintreten. Doch wenn wir nicht wirklich verstehen, womit wir es bei KI-Systemen genau zu tun haben, dann bleiben Forderungen nach „KI-Kompetenzen“, „AI Literacy“ etc. ein Stück weit leer.
Schwierige Frage. Zunächst muss es diese Lücke ja geben, sonst würde Bildung zur reinen Verzweckung und das wäre dann vermutlich ihr Ende. Ich denke, durch eine Balance aus Bildungs- und Kompetenzorientierung kann sich diese Lücke in Grenzen halten.
Mit der Frage habe ich ein bisschen Schwierigkeiten, denn „Kompetenzen“ – egal ob technische oder methodische –, zielen ja stets auf ein Handeln, das auf kognitiven und motivational-affektiven Voraussetzungen gründet – und damit Haltung, Verantwortung und Urteilskraft notwendigerweise miteinschließt. Damit Haltung, Verantwortung und Urteilskraft jedoch zum Tragen kommen, muss Kompetenz einer Idee von Hochschulbildung untergeordnet sein, die diese drei Begriffe konzeptionell auch beschreiben kann. Weil dieser Schritt jedoch in der Regel ausbleibt, wird die Qualität von Kompetenzen häufig zurecht als „technisch-instrumentell“ oder „zweckrational“ kritisiert.
Ich würde hier vor allem die Verbindung hochschuldidaktischer Forschung und hochschuldidaktischer Beratungspraxis stärken wollen. In der Praxis arbeiten beide Bereiche oft nebeneinander her. Im Idealfall würde eine bessere Verzahnung dazu führen, dass i. S. der Future Skills die bereits angesprochene Kompetenzorientierung einen Schub erhalten würde.
Eindeutig „wissenschaftliche Urteilsfähigkeit“ – Ulrich Bartosch weist in seiner Handreichung zum Qualifikationsrahmen für deutsche Hochschulabschlüsse zurecht darauf hin, dass diese den „unabdingbaren Dreh- und Angelpunkt des Studiums“ darstellt bzw. darstellen sollte. Wenn wir diesen Anspruch nicht weiterhin energisch hochhalten, verliert Hochschulbildung ihr zentrales Unterscheidungsmerkmal gegenüber weiteren Bildungsformen und unsere Gesellschaft damit ihr Fortschrittspotenzial.
In meiner Dissertation zeige ich, dass Future Skills-Konzepte derzeit unter ihren Möglichkeiten bleiben. Denn diesbezügliche Veröffentlichungen ignorieren den wesentlich umfangreicheren Diskurs über Schlüsselqualifikationen und -kompetenzen bis dato weitestgehend. Dabei sind diese Konzepte in bildungs-, kompetenz- und lerntheoretischer Hinsicht elaborierter, als die Future Skills-Ansätze derzeit sind. Dieses „Ausblenden“ gilt interessanterweise auch für die Kritiker von Future Skills, die Fragen aufwerfen und Konzepte vorschlagen (Stichwort: Lerntransfer), die in den 1990er Jahren bereits erschöpfend diskutiert wurden. Ich plädiere daher für eine Rückbesinnung, um an die umfangreiche wissenschaftliche Expertise über Schlüsselqualifikationen und -kompetenzen anzuknüpfen.
Alles vom Erziehungswissenschaftler Lothar Reetz, der in den 1990er und 2000er Jahren bedeutende Texte zu Schlüsselqualifikationen verfasst hat.
Wer verstehen möchte, woher die heutige Idee von Future Skills stammt, wie der Begriff „fachübergreifend“ zu verstehen ist oder ob Schlüsselqualifikationen bzw. Future Skills multifunktional sein können oder nicht, der findet dort eine exzellente Übersicht.

Von 2022-2024 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt MarSkills, wo er zu den bildungstheoretischen Grundlagen von Schlüsselkompetenzen und Future Skills geforscht hat. Sein derzeitiger Fokus liegt auf den Grundlagen „agiler Lehrarchitektur“.